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Myriam Meuwly / Le Temps, Genf - Switzerland

Die urbanen Landschaften von Marc Monteleone laden uns zu einer wundersamen Reise ein

Ein Platz in Prag, das Forum Romanum, vom Kapitol aus gesehen, Montepulciano und seine Piazza Grande, das Grosse Schauspielhaus in Warschau, eine Kreuzung in Turin oder in Basel, Strassen, Paläste, Kirchen, die man bereits gesehen zu haben glaubt und deren merkwürdiger Charakter uns dennoch packt. Was stört uns an der strengen Gliederung dieser Baukörper, an der sorgfältigen Wiedergabe der Schmuckglieder einer Barockfassade, an diesen grosszügigen Volumen aus gelbem, ockerfarbenem oder grauem Stein, an diesen bleichen Himmeln, den zarten Lichtern und dem halb geöffneten Fensterladen? Das Geheimnis der blinden Fenster, denen hier und da die Spiegelungen eines angedeuteten Anderswo entsprechen, und die fast völlige Abwesenheit von Menschen führen den Betrachter zu einer eindringlichen Begegnung mit dem vom Maler dargestellten Ort. Der Blick schweift durch den Raum, der wie die Kulissen eines soeben angehaltenen oder anderswo stattfindenden Lebens konstruiert ist. Trotz der Einsamkeit, auf die sie uns verweist, ist die Welt, die Monteleone uns zeigt, nicht unterkühlt. Für manche beängstigend, ist sie vor allem melancholisch, wie der Blick, den man auf die Harmonie eines vertrauten Orts wirft, im Bewusstsein, dass man ihn eines Tages nicht mehr wieder sehen wird. Wer die Ohren spitzt, nimmt im Übrigen hinter den Mauern ein leises Geräusch wahr: Es ist das Leben, das vorüberzieht, wie jene seltenen Spaziergänger, die ihrem Schicksal entgegeneilen. Marc Monteleones Malerei zeichnet sich in der Behandlung der Architektur des 18. Jahrhunderts aus und enthüllt auf ihre Weise die harmonischen Beziehungen, die zwischen gewissen Bauten und ihrem urbanen Umfeld bestehen. Der Künstler befreit sie nicht nur von jedem überflüssigen oder zufälligen Beiwerk, sondern er schafft auch an manchen Stellen ein neues Gleichgewicht, als ginge es darum, die Dramaturgie des Ganzen zu steigern. Man kommt nicht umhin, an eine aus heutiger Sicht betrachtete Idealstadt zu denken.

Kommt hinzu, dass der Freiburger Maler, der bei Armand Niquille in die Lehre ging und von diesem gefördert wurde, vorzugsweise mit grossen Formaten arbeitet. So gelingt es ihm, seine künstlerische Freiheit trotz aller Zufälligkeiten des Augenblicks zu behaupten. Während er seine Leinwand vorbereitet, angesichts der Versprechungen, die in der leeren Fläche zu liegen scheinen, fühlt er sich besonders hochgemut. Von ständigem Arbeitseifer erfüllt, konstruiert der Handwerker, als der er sich versteht, seine Bilder mit dem Kohlestift in der Art eines gestrengen Baumeisters und malt sie dann wie sein Lehrmeister mit dem Spatel, um ihnen dadurch ihre Samtigkeit zu geben. Dank einer Ausstellung, die 1997 in der Galerie Demenga in Basel stattfand, wurde Marc Monteleone weitherum, auch in Deutschland, bekannt, während er in Freiburg regelmässig in der Galerie de la Cathédrale ausstellt. «Ich bin kein heiterer Maler», sagt er, «und kümmere mich nicht um Moden.» Als Arbeiter, der sich Zeit lässt, und Einzelgänger – «wie alle, die Malen zu ihrem Beruf gemacht haben» – sucht er weder zu betören noch zu verführen. «Es ist mir lieber, wenn es etwas Zeit braucht, um in meine Bilder einzutauchen.» Im Übrigen lebt er zurückgezogen, wenn nicht gar einsiedlerisch und, wie Bonnard sagte, «immer stärker dieser unzeitgemässen Leidenschaft der Malerei verfallen».

Myriam Meuwly

Übersetzung aus dem Französischen von Hubertus von Gemmingen